Ein liegender Stamm kann hart und fast unversehrt wirken oder schon weich in den Waldboden übergehen. Beides ist Totholz. Für Pilze und viele andere Waldorganismen ist es ein Lebensraum, der sich verändert. Wer dort Pilze beobachtet, sieht deshalb mehr als einen abgestorbenen Baum: Hier wird Holz abgebaut, während andere Lebewesen Nahrung und Unterschlupf finden.

Holz wird wieder Teil des Kreislaufs

Holzabbauende Pilze nutzen abgestorbenes Material und tragen damit zum Nährstoffkreislauf bei. Die WSL nennt neben Holz auch Laub und Nadelstreu als Material, das Pilze zersetzen. Das ist eine andere ökologische Aufgabe als diejenige der Mykorrhizapilze: Diese unterstützen Pflanzen im Wurzelraum bei der Wasser- und Nährstoffaufnahme. Nicht jeder Waldpilz lebt also auf dieselbe Weise, und nicht jeder Pilz an einem Baum erzählt dieselbe Geschichte.

Die Pilzgemeinschaft wechselt mit dem Holz

Wie sich die Besiedlung verändern kann, zeigt eine ältere Schweizer Untersuchung an Buchenholz nach dem Sturm Lothar. Janina Polomski und Ursula Heiniger beschrieben im WSL-Schlussbericht von 2004 eine Abfolge holzabbauender Pilze. Auf offen gelagerten Holzstücken traten im Verlauf der Beobachtung andere Arten hinzu; später bildeten unter anderem Trameten vermehrt Fruchtkörper. Das Holz blieb also nicht einfach derselbe Lebensraum, bis es verschwunden war.

Wichtig ist der Rahmen dieses Befunds: Untersucht wurden Buchenholzstücke unter bestimmten Lagerungsbedingungen auf einer Sturmfläche, nicht alle Baumarten und Waldtypen der Schweiz. Die Autorinnen betonen selbst, dass die kurze Untersuchungsdauer langfristige allgemeine Prognosen nur begrenzt erlaubt. Aus dem Fund eines bestimmten Pilzes lässt sich deshalb kein zuverlässiges Alter für einen beliebigen Stamm ablesen. Auch einen festen Zerfallskalender für den nächsten Waldspaziergang liefert die Studie nicht.

Weshalb Vielfalt auch beim Totholz zählt

Für den Naturschutz kommt es darauf an, dass altes und totes Holz über längere Zeit verfügbar bleibt. Die WSL nennt fehlende dicke Stämme in fortgeschrittenen Abbaustadien als einen Grund für den Rückgang totholzabhängiger Arten. Ein frischer Ast ist damit kein beliebiger Ersatz für einen alten, weit zersetzten Stamm. Auch Höhlen alter Bäume sind wichtig: Sie bieten Brutplätze und beherbergen Insektenlarven, die wiederum anderen Tieren als Nahrung dienen.

Die praktische Folgerung für einen ruhigen Waldbesuch ist einfach: den Stamm als Lebensraum betrachten und zum Beobachten nichts auseinanderbrechen. Ob und wo Holz aus Sicherheits- oder Bewirtschaftungsgründen entfernt werden muss, lässt sich aus einem einzelnen Spaziergang nicht beurteilen. Der Wert von Totholz ist ein guter Grund für Aufmerksamkeit, keine Einladung, selbst in die Waldpflege einzugreifen.

Quellen

  1. WSL: Pilze und ihre Funktionen im Wald Grundlagen zu Zersetzung und Mykorrhiza; abgerufen am 23.10.2026.
  2. WSL: Leben im Totholz Lebensräume und Gründe für den Rückgang totholzabhängiger Arten; abgerufen am 23.10.2026.
  3. Polomski und Heiniger: Natürliches Recycling von Buchenholz Kapitel 3.9, S. 86–92, in Angst et al. (2004): Waldentwicklung nach Windwurf in tieferen Lagen der Schweiz. Beobachtungen 2001–2003 auf der Sturmfläche Sarmenstorf; keine aktuelle Fundprognose.